Vorurteile vs. Erfahrungen – Warum dein fotografischer Weg erst dann beginnt, wenn du anfängst, selbst zu sehen

Written by Eric P.
Einleitung
Vorurteile sind wie diese kleinen unsichtbaren Steinchen im Schuh:
nicht groß genug, um stehenzubleiben, aber gerade lästig genug, um dich bei jedem Schritt daran zu erinnern, dass irgendetwas nicht stimmt. Als Fotograf hast du mehr davon gesammelt, als dir bewusst ist. Manche hast du geerbt, manche auf Workshops eingesammelt, manche im Internet aufgeschnappt, weil irgendjemand im Forum laut genug behauptet hat, es sei Wahrheit. Und irgendwann, ohne dass du es merkst, läufst du mit einer ganzen Sammlung davon herum. Die Frage ist nur: Wie lange willst du damit noch unterwegs sein? Denn der Weg, den du dir mit Vorurteilen verbaust, ist im Grunde derselbe Weg, der dich fotografisch und persönlich eigentlich weiterbringen würde. Und genau darum geht es in diesem Essay: wie du lernst, dich vom alten Ballast zu lösen und deine eigene Erfahrung zur stärksten Kraft in deiner Entwicklung zu machen.
Du wirst im Laufe deiner fotografischen Reise immer wieder an Kreuzungen stehen, an denen dir deine Vorurteile zuflüstern: „Links ist gefährlich“, „Rechts wird nichts“, „Geradeaus ist sicher, bleib doch beim Alten.“ Aber die Erfahrung – diese stille, oft viel zu bescheidene Lehrerin – sagt etwas anderes. Sie sagt: Geh. Probier aus. Verlasse die vorgezeichnete Spur. Und vor allem: Mach deine eigenen Fehler. Denn Fehler sind nicht das Problem. Sie sind das Material, aus dem ein Fotograf gebaut wird. Nur Vorurteile wollen dir weismachen, dass du ohne Fehler sicherer durchkommst. Der Witz ist: Niemand kommt ohne Fehler durch. Schon gar nicht in der Fotografie.
Es ist faszinierend, wie früh diese inneren Annahmen entstehen. Du hebst deine erste Kamera, drückst ein paar Mal ab und schon beginnt dein Kopf, dir Regeln zu erzählen. „ISO ist böse“, „ein Fotograf fotografiert nie gegen die Sonne“, „mit Kit-Objektiven kannst du das vergessen“, „echte Profis fotografieren nur mit Festbrennweiten“, „Zooms sind kompromissbehaftet“, „man muss immer im RAW fotografieren“, „Available Light ist amateurhaft“, „echte Porträts macht man nur bei 85mm.“ Und du glaubst das am Anfang alles, weil es sich so anfühlt, als hättest du Zugang zu Wissen. Aber in Wahrheit ist es nur der Anfang einer langen Reihe mentaler Stolperfallen, die sich Erfahrungen nennen sollten, aber nur Behauptungen sind.
Es gibt Fotografen, die ihre gesamte Karriere nach Vorurteilen gestalten, ohne jemals zu merken, wie sehr sie sich selbst limitieren. Sie vermeiden schwierige Lichtsituationen, weil jemand gesagt hat, dass „harte Sonne unbrauchbar“ sei. Sie meiden Menschenfotografie, weil sie glauben, sie seien nicht kommunikativ genug. Sie probieren keine neuen Genres aus, weil sie glauben, man müsse sich spezialisieren. Sie hassen Blitzlicht, obwohl sie nie wirklich gelernt haben, es zu beherrschen. Und sie ziehen sich aus Aufträgen zurück, weil sie glauben, dass sie „nicht gut genug“ sind, obwohl ihnen genau diese Projekte den entscheidenden Erfahrungswert liefern könnten.
Ich sage dir etwas, das du vielleicht erst auf den zweiten Blick greifen wirst: Vorurteile sind wie Nebel. Sie nehmen dir die Sicht, ohne dass sie dich berühren. Sie sind da, aber sie sind nicht real. Erfahrung hingegen ist Wind. Erfahrung bringt Bewegung, Klarheit, Sichtbarkeit. Sie verdrängt Nebel, statt ihn zu ignorieren. Du brauchst nicht mehr Licht – du brauchst Bewegung. Und genau das ist der Unterschied zwischen einem Fotografen, der stehen bleibt, und einem Fotografen, der wächst.
Du kennst dieses Gefühl: Du siehst einen Fotografen, der scheinbar mühelos arbeitet. Der ruhig bleibt, selbst wenn das Licht schwierig ist oder der Kunde nervös wirkt. Du spürst die Gelassenheit, diese Art von „Alles gut, wir kriegen das hin.“ Und du fragst dich: Was hat er, was ich nicht habe? Die Antwort ist fast immer dieselbe: Erfahrung. Nicht Talent, nicht Ausrüstung, nicht Magie. Erfahrung. Und Erfahrung ist nichts anderes als die Summe aus Fehlern, Erfolgen, Überraschungen, Enttäuschungen, Zufällen, menschlichen Begegnungen, Lichtmomenten und Situationen, die dich herausgefordert haben. Und genau deshalb ist Erfahrung nicht nur fachlich wertvoll, sondern auch persönlich transformierend.
Denn wenn wir ehrlich sind, ist Fotografieren viel weniger Technik als Psychologie. Nicht die Kamera entscheidet, wie gut dein Bild wird, sondern deine Fähigkeit, die Situation zu lesen. Deine Fähigkeit, ruhig zu bleiben. Deine Fähigkeit, zu sehen. Und sehen kannst du nur, wenn du dich von dem löst, was du glaubst zu wissen. Ein Vorurteil sagt dir, was du erwartest. Eine Erfahrung zeigt dir, was wirklich passiert. Und das sind zwei völlig verschiedene Universen.
Vielleicht fragst du dich: Warum sind Vorurteile so mächtig? Warum sind sie so präsent, obwohl sie uns limitieren? Die Antwort liegt in der Natur unseres Gehirns. Das Gehirn liebt Abkürzungen. Es liebt Muster. Es liebt das Gefühl, etwas zu wissen, bevor es passiert. Kontrolle ist ein starkes psychologisches Bedürfnis. Und Vorurteile geben dir das Gefühl von Kontrolle – selbst wenn sie falsch sind. Erfahrung hingegen nimmt dir dieses Sicherheitsgefühl, weil sie dich zwingt, Situationen wirklich zu erleben. Sie ist unberechenbarer, ehrlicher, direkter. Sie zeigt dir, dass du eben nicht alles weißt. Und genau das macht sie anstrengender – aber auch wertvoller.
Wenn du dich auf Erfahrung einlässt, verlässt du die Komfortzone der vermuteten Wahrheit und betrittst die Realität des tatsächlichen Erlebens. Das macht dich nicht nur fotografisch besser, sondern auch menschlich stabiler. Du lernst, mit Unsicherheit umzugehen. Du lernst, dass Dinge nicht immer perfekt laufen. Du lernst, dass Licht sich nicht an Regeln hält. Du lernst, dass Menschen nicht nach Schema funktionieren. Und du lernst, dass der Moment immer größer ist als deine Planung.
Ich erinnere mich an unzählige Situationen am Set, in denen Fotografen in Panik geraten sind, weil etwas nicht nach Plan lief: Wolken vor der Sonne, Model zu schüchtern, Kunde unentschlossen, Location doch kleiner als gedacht. Diejenigen, die sich von Vorurteilen leiten lassen, verlieren in solchen Momenten schnell die Nerven. Sie klammern sich an ihre mentalen Regeln und stellen fest, dass die Realität sich nicht daran hält. Diejenigen jedoch, die Erfahrung haben, lächeln leise, zucken mit den Schultern und sagen: „Okay, dann machen wir es eben anders.“ Und genau dieses Anders ist oft der Moment, in dem Magie entsteht.
Denn Erfahrung fördert Kreativität. Vorurteile verhindern sie.
Erfahrung sagt: „Was passiert, wenn ich das Licht ganz anders setze?“
Vorurteil sagt: „Hartes Licht funktioniert nicht.“
Erfahrung sagt: „Ich probiere diese Perspektive einfach.“
Vorurteil sagt: „Das macht man nicht.“
Erfahrung sagt: „Der Kunde ist nervös – wie kann ich ihn entspannen?“
Vorurteil sagt: „Der Kunde mischt sich zu viel ein.“
Erfahrung sagt: „Jedes Model hat eine Seite, die strahlt.“
Vorurteil sagt: „Das Model ist schwierig.“
Erfahrung ist flexibel. Vorurteile sind starr.
Erfahrung ist neugierig. Vorurteile sind sicherheitsorientiert.
Erfahrung ist ehrlich. Vorurteile sind bequem.
Erfahrung ist ein Prozess. Vorurteile sind ein Zustand.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Fotografie lebt vom Prozess, nicht vom Zustand. Kein Bild ist statisch. Kein Moment wiederholt sich. Kein Licht bleibt gleich. Kein Mensch ist vorhersehbar. Und genau deshalb ist Erfahrung so unerlässlich. Du musst lernen, zu tanzen, nicht nur zu stehen. Du musst lernen, zu reagieren, nicht nur zu planen. Du musst lernen, dich auf Situationen einzustellen, nicht sie zu bekämpfen.
Immer wieder erlebe ich junge Fotografen, die glauben, sie könnten den Weg des Lernens abkürzen, indem sie Wissen sammeln. Aber Wissen ist nicht Erfahrung. Wissen ist ein Werkzeugkasten. Erfahrung ist der Handwerker. Wissen ist potenziell. Erfahrung ist real. Wissen sagt dir, wie es sein sollte. Erfahrung zeigt dir, wie es ist.
Der vielleicht größte Fehler, den viele Fotografen machen, ist die Annahme, dass sie warten sollten, bis sie bereit sind. Sie warten auf mehr Talent. Sie warten auf bessere Ausrüstung. Sie warten auf mehr Wissen. Aber bereit wirst du nicht durch Warten. Bereit wirst du durch Tun. Und genau deshalb ist Erfahrung der Schlüssel. Es geht nicht darum, wie gut du vorbereitet bist. Es geht darum, wie offen du bist, zu lernen.
Du kannst die besten Tutorials der Welt schauen, du kannst jeden Workshop besuchen, du kannst die teuerste Kamera kaufen – aber wenn du nicht bereit bist, deine Vorurteile über Bord zu werfen und die Realität zu betreten, wirst du nicht wachsen. Es ist wie Schwimmen: Du kannst nicht schwimmen lernen, indem du am Beckenrand sitzt und dir Videos ansiehst. Irgendwann musst du ins Wasser. Und am Anfang wirst du Wasser schlucken. Das ist unvermeidlich. Aber nur so lernst du, zu schwimmen.
Erfahrung ist nicht nur ein Lehrer – sie ist ein Spiegel. Sie zeigt dir nicht nur die Welt, sie zeigt dir dich selbst. Du wirst überrascht sein, wie oft deine Vorurteile weniger über die Außenwelt sagen als über deine eigenen Ängste. Vorurteile wie „Ich kann kein Model führen“ sind oft nur die Angst vor Nähe. „Ich kann nicht mit Blitz“ ist oft nur die Angst vor Technik. „Ich kann nicht vor Kunden souverän sein“ ist oft nur die Angst vor Bewertung. Erfahrungen zerstören diese Ängste nicht sofort – aber sie machen sie kleiner, weil du lernst, dass sie nicht die Realität bestimmen.
Fotografie ist ein Spiel zwischen dir und der Welt. Vorurteile machen dieses Spiel kleiner, Erfahrung macht es größer. Je größer dein Spielraum, desto größer dein Können. Und je größer dein Können, desto größer dein Selbstvertrauen. Und je größer dein Selbstvertrauen, desto mehr Freiheit hast du im kreativen Prozess.
Doch eines ist dabei entscheidend: Erfahrung entsteht nur, wenn du bereit bist, die Kontrolle ein Stück weit abzugeben. Du musst zulassen, dass Dinge anders laufen. Du musst bereit sein, überrascht zu werden. Du musst akzeptieren, dass du nicht alles weißt. Und du musst verstehen, dass genau in diesem Nicht-Wissen der Raum für Wachstum liegt. Ein Vorurteil gibt dir das Gefühl, zu wissen. Eine Erfahrung gibt dir die Möglichkeit, zu verstehen.
Je mehr Erfahrungen du machst, desto stärker wird dein fotografischer Kompass. Und dieser Kompass ist unbezahlbar. Er führt dich durch schwierige Sets. Er hilft dir, Kunden besser zu verstehen. Er lässt dich Licht lesen wie eine Sprache. Er gibt dir Ruhe in stressigen Momenten. Er macht dich effizienter. Und vor allem: Er macht dich authentischer.
Authentizität ist das, was Kunden spüren. Menschen buchen dich nicht wegen deiner Kamera. Sie buchen dich, weil sie spüren, dass du weißt, was du tust. Und dieses Wissen kommt nicht aus einem Buch. Es kommt aus Erlebnissen. Es kommt aus echten Momenten. Es kommt aus Situationen, die du gemeistert hast.
Und jetzt stell dir vor, wie sehr sich dein fotografischer Weg verändern würde, wenn du das nächste Jahr nicht nach Vorurteilen lebst, sondern nach Erfahrungen. Wie viele neue Ideen du entwickeln würdest. Wie viele neue Menschen du kennenlernen würdest. Wie viele neue Fähigkeiten du aufbauen würdest. Wie viele neue Motive du entdecken würdest. Wie viele neue Perspektiven du bekommst.
Vorurteile halten dich zurück, weil sie dir sagen, was nicht geht. Erfahrung bringt dich vorwärts, weil sie dir zeigt, was alles möglich ist.
In dir steckt ein Fotograf, der noch weit größer ist als der, den du heute kennst. Dieser Fotograf wartet nicht auf Regeln. Dieser Fotograf probiert aus. Dieser Fotograf sieht mehr. Dieser Fotograf vertraut sich selbst. Und dieser Fotograf entsteht nur durch eines: durch Erfahrung.
Es wird Momente geben, in denen du zweifelst. Momente, in denen du denkst, du machst keinen Fortschritt. Momente, in denen Vorurteile wieder anklopfen und sagen: „Bleib lieber hier, das ist sicher.“ Aber ich verspreche dir: Jeder Schritt in die Erfahrung lohnt sich. Jeder Schritt entfernt dich ein wenig mehr von der Angst und bringt dich ein Stück näher zu dir selbst.
Am Ende ist es ganz einfach: Vorurteile schützen dein Ego. Erfahrungen stärken deine Persönlichkeit. Vorurteile geben dir ein Gefühl von Sicherheit. Erfahrungen geben dir echte Freiheit. Vorurteile flüstern dir zu, wie die Welt angeblich funktioniert. Erfahrungen zeigen dir, wie sie wirklich funktioniert.
Und genau darin liegt deine nächste Stufe. Dein Next Level. Nicht im technischen Wissen. Nicht in der Ausrüstung. Sondern in deiner Bereitschaft, dich der Welt zu öffnen, statt sie durch vorgefertigte Gedanken zu filtern.
Vorurteile sind der Anfang.
Erfahrung ist der Weg.
Du bist der Fotograf, der entscheidet, welchen du gehst.
